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Deutsch von Silvia Cunningham, Astrid Friedrich, Dagmar Hemmie, Angelika Masternak,
und Kerstin Schleppegrell, bei Der Spinnboden Lesbenarchiv, Anklamer Strasse 38, 2 Hof,
Berlin, fon 9011-49) 30-448-5848, e
spinnboden@spinnboden.de
ANGST
Auf dem Trimmpfad im öffentlichen Park beobachte ich, wie du von mir wegjoggst. Auf
der anderen Flussseite reflektieren die gigantischen Spiegel der Skyskraper die Wolken,
Fetzen aus Luft. Hinter uns im Hafen erhebt sich die Freiheitsstatue wie ein riesiges
Spielzeug an einem Strand. Entlang der Straße erhellen glühende Goldruten und
perlenbehangene immergrüne Gräser unseren Weg. Ich folge dir den Asphaltweg hinunter
mache manchmal Kniebeugenn oder Liegestütze, Meine Augen huschen ständig vor und
zurück, den vorbeifließenden Verkehr beobachtend.
Das Motorrad, das gerade vorbeigerauscht ist, wird langsamer, der Mann blickt zurück, ich
spanne mich an. Wird er umkehren in meines Richtung, werde ich genug Zeit haben nach dir
zu schreien, werde ich schnell genug laufen können? Der Mann schaut weg, ich gehe weiter,
Dahinten kommt ein blauer Lieferwagen auf gleicher Höhe mit dir, und ich schätze die
Entfernung zu dir zu kommen. Er fährt schnell vorüber.
Die erste Nacht in der wir jemals in deiner Stadt ausgegangen sind, an einer Straßenecke
einen Block von deiner Wohnung, tauchte neben uns eine Wagenladung weißer Männer auf
,sie schreien dich an, "Schwuchtel!" Wir hielten uns an den Händen, ich trug
einen weiten Rock, aber sie konnten sehen, daß wir irgendwie anders waren. Das nächste
Mal, als wir nachts aus waren, fragte ich dich, was wir tun sollten, falls wir angegriffen
würden. Wir waren gerade aus der U-Bahn herausgekommen, und die Stadt um uns herum
kochte. (Wir gingen schnell, schlängelten uns durch die Brandung der Fußgänger.) Du
sagtest, "Stell Dich bloß nicht vor mich !" Du erzähltest von einer Geliebten,
die beschützend dazwischentrat als du einen Tritt landen wolltest.. Am Ende blutetet ihr
beide ohne zu wissen, ob der Schläger dich für einen schwulen Mann oder eine Butch-Lesbe
hielt. Dann sagtest du, "Tu Dein Bestes Ich werde dir für das, was die, die
uns hassen anrichten, nie die Schuld geben."
Eine andere Gruppe von Männern aus unserer Nachbarschaft zog letzte Woche ins Village
hinunter um ein bißchen Golf zu spielen - knüppelten händchenhaltende Männer nieder
zerissen eine Kehle, brachen einen Schädel. Nun beobachte ich, wie jedes Auto sich dir
nähert, an dir vorbeifährt, dann auf mich zukommt, näher und näher kommt, fort ist.
Ich nicke grimmig dem muskulösen weißen Mann zu, der mir mit einer kleinen Hantel in
jeder Hand entgegenjoggt.
Ich atme, atme mache Klimmzüge an der Stange über einer Bank, und hole
dich an den Balancebalken ein, auf dem wir im Zigzag laufen, vorwärts, rückwärts, wie
Kinder am Strand, die auf einem boogie-board über den feuchten Sandfilm gleiten. Im Auto
dann erzähle ich dir vom dem Motorradfahrer, wie ich Angst hatte und du gestehst deine
Panik ein. Für einen Moment hattest du mich in meinem pinkfarbenen Shirt aus den Augen
verloren. Du warst zur Straße hin gegangen, konntest mich noch immer nicht sehen und bist
losgerannt. Du warst Dir sicher, ich sei in den Ozean aus Gras hineingezogen worden. Du
riefst mir stumm zu "Halte aus, Liebling, ich bin gleich da." Dann tauchte ich
über einer Trainingsbank auf, wie von unter Wasser, nicht mal nach Luft schnappend, und
du wendetest um die Runde zu beenden. Du hattest nicht vor, mir das zu sagen. Warum mir
deine Ängste geben, vor dem ,was einige Männer mir als Frau antun könnten? Ich sage
" Ich denke, daß ich hier nicht allein herkommen werde. Hier kommen zu viele Autos
vorbei; immer überlegt irgendwer, ob er nicht diesmal damit davonkommt."
Ich sage Dir nicht, wie ich jeden Moment nach deinem schwarzen Hemd und deinem
kurzgeschnittenen blonden Haar Ausschau gehalten habe, wie ich es tue, wenn du allein im
Meer schwimmst und ich an Land bin. Ich werde dir nicht von meiner Angst um dich
erzählen.
ID
(ID ist die gebräuchliche Abkürzung für Identity Card, dies entspricht unserem
Personal- ausweis. ID kann aber hier auch als Abkürzung für das Wort identity gesehen
werden)
Ich spaziere mit einem Gast, den ich zum Abendessen eingeladen hatte, zur U-Bahnstation,
unter den nächtlichen Schatten der verkümmerten Ahornbäume, hinaus auf eine Straße, wo
sie und ich kurz von Mitternacht die einzigen Menschen sind. Am alten Bezirksgefängnis
biegen wir lings ab, leer und dunkel, ein unbenutzter Friedhof überwachsen mit NATO
-Draht, der wie wilder Wein herabhängt.
Gegenüber von uns hält vor uns ein Polizeiwagen an. zwei lange Sirenentöne heulen.
Wir sehen uns um, niemand anderes ist zu sehen. der Wagen treibt still
weiter, keinem bestimmten Ziel entgegen. Es gibt keinen Zweifel, er hat die Sirene für
uns gedacht, die obszöne Warnung eines Cops, was er von zwei Frauen zu dieser Nachtzeit
auf der Straße hält, allein, ohne Männer. Nachdem ich sie unten durch die U-Bahntunnel
gebrachthabe, gehe ich nach Hause, diesmal wirklich allein, die Fäuste geballt. Wenn er
mich anhält, habe ich keinen Ausweis dabei auf diesem 5-Minuten-Weg von unserer Wohnung.
Und würde ihn das aufhalten? Und würde ich wollen, daß er weiß, wo ich wohne?
Nach der Demonstration vor dem Obersten Gerichtshof steckte uns die Polizei in denselben
Gefängniswaren wie die Männer, aber am Gefängnis trennten sie uns, lesbische Frauen in
eine Zelle, schwule Männer in eine andere. Während wir uns gegenseitig Mut zusangen,
holten sie uns raus, einzeln, um identifiziert zu werden. Im Kabuff lächelte mich der
Polizist durch die Gitterstäbe hindurch an, fragte mich nach meinem Namen, nach dem Namen
meiner Mutter, meiner Heimatadresse. Als er die Schreibarbeit erledigte, sagte er:
"Aber wozu tust du das, wo du doch so hübsch aussiehst? Willst Du mit mir ausgehen,
wenn das hier vorbei ist?"
Ich sagte:"Nein danke, Officer," als er die Anklage aufnahm.Im
Gerichtssaal, mit den schwulen Männern wieder vereinigt, bekannten wir uns schuldig ,
gegen ein Gesetz protestiert zu haben, das uns für unberechtigt, für zu sündhaft
erklärt, um unter den Schutz des Rechts gestellt zu werden. Nachdem ich meinen
Personalausweis und fünfzig Dollar aus meinem linken Schuh gezogen und die Strafe bezahlt
hatte, ging ich nach Hause. In dieser Nacht zeigte das Fernsehen mich, singend,
herausfordernd, zusammen mit den anderen außerhalb des Gerichtsgebäudes, so daß das
ganze Land zusehen konnte. Aber ich lag wach, fürchtete nur einen Blick, diesen
humorlosen Ausdruck des Polizisten, dessen schmallippiger Mund mir durch die Stahlgitter
entgegengelächelt hatte.
TAUWETTER
In der Universität in einem sterilen Hörsaal sprichst du zu einem akademischen
Publikum. An der Stelle und bei der schwachen Beleuchtung, wo ich normalerweise meine
Vorlesung halte. Aber diesmal sitze ich vor dem Klappult und bin lediglich deine Freundin.
Ich versuche mit meiner Armbändern nicht in ungünstigen Momenten zu klappern. Ich fühle
mich erröten, unsicher, wie ich selbst, aber wie ein Teenager. Jeder müßte sehen wie
sehr ich mir deine sichere Hand auf meiner Taille, deine rauhe zärtliche Stimme an meinem
Ohr wünsche. Heute abend bin ich nicht die Schriftstellerin hinter dem Pult, die Worte
gebraucht um zu enthüllen und zu verstecken, Worte, die wie Schnee in die Stille fallen,
in kristallenen Flocken die einen kleinen Winkel meines Verlangens widerspiegeln. Heute
Nacht könnte ich durch den Schnee laufen, nackt und warm, und jeder würde den
eingeschmolzenen Spuren meiner bloßen Füße folgen.
Später in dieser Nacht schlafe ich mit Dir in einem fremden, kalten Zimmer. Du wärmst
mich, vom Nacken bis zu den Füßen mit deinem ausgestreckten Körper. Gegen Morgen
träume ich:
Ich bin in diesem kalten Zimmer, im Bett in dünner schwarzer
Nachtwäsche, Sonnenlicht auf mir. Du (zugleich bist das nicht du) sitzt mit einem Mann in
der Küche und bringst ihn dann herein um mich anzuschauen. Als er geht bringst du zwei
andere Männer herein um mich anzusehen und dann kommt ein vierter, schaut, geht. Ich gehe
aus dem Schlafzimmer, irre durch das Labyrinth des Gebäudes und kehre zurück. Ich sage
"Was hast du getan? Diese Männer haben mich angesehen haben, als sei ich deine Hure
." Die Person die du-und- doch-nicht-du-ist lacht, und ich stehe auf. Ich laufe
barfuß aus dem Raum, aus dem Haus in den schmutzigen Hof. Ich weiß ich verlasse dich.
Da weckst du mich mit deinem Arm eng um mich gelegt und willst wissen, "Liebling,
ist etwas nicht in Ordnung" ich erzähle Dir den Traum und Du sagst, "Das war
nicht ich." Ich sage,"Ich weiß. Ich war es. Ich schäme mich immer noch dafür,
daß jemand mein Verlangen sieht."
Um Mitternacht auf dem Busbahnhof wartete ich auf eine Geliebte. Ich trug Jeans, ein
Arbeitshemd und ein rot-purpurnes Tuch um meine Schultern. Ich glühte vom Bad und in
Vorfreude- Ich hatte nichts in meiner Hand, kein Buch zum Lesen, keine Möglichkeit so zu
tun als ob ich nicht allein wäre. Ich war die einzige Frau dort, als die andere Person,
ein Mann herankam und sich zu mir vorbeugte. Ich sagte mehrmals: "Ich will nicht mit
Ihnen reden." Er berharrte, ich wiederholte. Stocksauer schnappte er mit seinen
Fingern nach mir," Kopf hoch und Beeine breit Baby, komm schon." um dem
Bahnhofsaufseher zu zeigen, daß ich seine Prostituierte sei und mich unterordnen würde.
Dann stolzierte er weg. Ich war eine Frau von ausgeprägter Weiblichkeit außerhalb des
Hauses und allein. Selbst wenn ich völlig ruhig dasitzen und gradeausstarren würde,
wüßte er das mein Körper um Aufmerksamkeit wirbt, Dinge in Bewegung bringt. Würde er
mich als Lesbe sehen, was würde das ausmachen. Er sah mich an und dachte er sähe ein
Lächeln, ein Zwinkern, ein Winken.
Die alten Gesetze besagten, daß Prostituierte nicht an öffentlichen Plätzen spazieren
gehen oder sich im Fenster zeigen. dürfen. Die alten Gesetze besagten, daß jeder Frau,
die arbeitete und allein in einer Pension lebte das Zimmer durchsucht werden konnte, unter
dem Verdacht, sie sei eine gewöhnliche Prostituierte. Die alten Gesetze besagten
Prostituierte könnten gebessert werden; sie könnten unentgeltlich in einer öffentlichen
Wäscherei arbeiten, wo sie schwitzen und wringen würden und lernen gute Ehefrauen zu
sein. Die alten Gesetze besagten, wir hätten etwas zu tragen, was den Unterschied
zwischen uns, den Huren und den Ehefrauen zeigen sollte. Irgendein Zeichen an unserer
Kleidung - Sandalen oder Stirnbänder das eine Jahr - schwarze Dreiecke das andere, wenn
wir uns in der Öffentlichkeit aufhielten.
Andernfalls könnte wenn eine Ehefrau auf die Straße geht jede Bewegung ihres Körpers
gefährlich sein. Sie würde die Frage beantworten müssen: "Machst du´s drinnen
oder draußen, was kostest Du?"
Jetzt sehen mich einige als leer und passiv an, wie Schnee, eine weiße Oberfläche,
wartend von deiner Hand geformt zu werden. Einige warten nur darauf, mich durch Deinen
Fußabdruck beschmutzt zu sehen. Andere und sogar mein schlafendes Selbst haben mich als
Hure verdammt. Aber am Anfang, als wir alles teilten wie das Land; als das, was wir
zwischen unseren Schenkeln hielten so kostbar war, wie die Erde, war Hure ein Wort das
glitzerte wie Wasser. Eine Frau bei diesem Namen zu nennen bedeutete "Liebste,
Teuerste, cara, Liebkosungen."
Ich habe im Exil gelebt, im kalten Land der Scham. Jetzt da du hier bist, nach so vielen
Jahren, hältst du mich in deinen Händen Unter deinen Fingern wärmt sich meine Haut aus
einem gefühllosen Schlaf, mit dem ich mich selbst schützte. Du berührst mein
Handgelenk, meine Taille. Mein Fleisch beginnt sehnsuchtsvoll zu schmerzen und ich kehre
zurück zu mir selbst, wie die Schmelze im Frühlingstau, Schneehitze, die die Flüsse
hinunterauscht, um durch Dynamos zu wirbeln, bis die Münder der Staudämme Strom
ausspucken. Nunmehr wenn wir allein sind, wenn wir sind, wo andere uns beobachten, gebe
ich dir mit der Biegung meines Nackens, der Beugung meines Armes eine Ahnung davon, wohin
ich uns bringen kann und mit welcher Geschwindigkeit.
MIMOSE
Ich kann einen Streifen rosiger Dämmerung durch das Zeltfenster sehen,
während Du zwischen meinen Beinen kniest. Ich führe mit meinen Händen Deinen Schwanz in
mich ein. Eine Sekunde lang fühle ich mich kühl innen und außen, ein kalter Hauch auf
meinen Armen, kalter Silicon-Dildo, der über Schamlippen, Vulva, Vaginalmuskeln und Haut
gleitet. Du drückst ihn tief hinein, läßt Deinen ganzen Körper auf mir ruhen, umgibst
und durchdringst mich mit Liebe. Ich beginne zu weinen. so von Dir ausgefüllt zu sein,
ohne jenes Winden und die Angst, die mich früher in solchen Augenblicken geritten hat. Du
bist in mich gekommen, weil ich Dich darum gebeten habe. Du fängst an in mir zu
schaukeln.
Die Vögel zwitschern, eine Spottdrossel läßt ihren mehrstimmigen Gesang über uns
schweben. Die Sonne fängt an, die Luft in unserem Kuppelzelt aufzuheizen. Schweiß
gleitet von deiner Brust über meine Brüste. du erhöhst mein Verlangen mit deinem
Streicheln, Streicheln, und nach einer langen ekstatischen Reise, nach dem, was, wie du
mir später sagst, vielleicht eine Stunde war, komme ich zum Orgasmus aus deiner Fülle,
von deinem Hinweggleiten über meine Klitoris. Wieder beginne ich zu weine, reißend, als
du dich auf mir ausruhst.
In zehn Jahren Ehe mit einem Mann kam ich nie so weit durch das Vergnügen ihn in mir zu
spüren. Immer gab es ein ausgefeiltes Befingern von ihm, Verrenkungen von Fingern, Penis,
immer die Angst vor einer möglichen Schwangerschaft, immer seine Angst vor mir.
Aber du bist erregt durch mein Verlangen, selbst nahe am Orgasmus. Die Vögel flüstern
nur noch. Ein plötzlicher Regenschauer schaukelt das Zelt in der Sonne, und ich liege
sicher in deinen Armen.
Du bist eine Frau, die des Verrats an der Weiblichkeit bezichtigt wird. Aus meinem
Stöhnen aus Lust durch deinen Schwanz würden manche vielleicht schließen, ich verrate
die Weiblichkeit mit Dir, daß wir Verräterinnen unseres Geschlechts sind, du, die sich
dagegen wehrt, daß die Gesten dessen, was maskulin genannt wird Männern vorbehalten
sind. Ich, die ich mich weigere, die Ekstase der Hingabe Frauen zu überlassen, die diese
nur Unterwerfung nennen können. Verräterinnen unseres Geschlechts, oder Spione und
Entdeckungsreisende über die Grenzen dessen, was Mann, was Frau ist? Mein Körper öffnet
gierig für das, was du mir furchtlos gibst.
Wir ziehen uns an und öffnen den Reißverschluß des Zeltes. Als wir auf der roten,
schmutzigen Straße, matschig vom Regen im scharfen Morgenlicht entlanggehen, bleiben wir
stehen , um die Mimosen, diese sensiblen Pflanzen zu streicheln, um unsere Finger die
winzigen farnartigen Blätter entlanggleiten zu lassen, um zu sehen wie sie sich
plöltzlich zusammenfalten, ein bebender Krampf bei unserer Berührung.
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